Auf meinem Fußweg nach Rom begleiteten mich die sieben Werke der Barmherzigkeit in einer Neuinterpretation des emeritierten Erfurter Bischofs Joachim Wanke. In dieser Ausgabe sollte die Rede davon sein, dass zu unserem Christsein ganz wesentlich der Gedanke des gegenseitigen Besuchens gehört. „Ich war krank, und ihr habt mich besucht“, heißt es im Matthäusevangelium. Mit Corona erleben wir das Gegenteil. Es heißt, Abstand halten, die Kinder sollten ihre Großeltern nicht besuchen, Freunde sich nicht treffen, Ostern wurde zum großen Teil sehr einsam gefeiert. Kirchen blieben leer. Familien durften sich nicht treffen. Vielleicht haben Sie noch das Bild von Papst Franziskus zu Ostern im leeren Petersdom vor sich oder Bischof Schönborn im Stephansdom. Eigentlich eine einsame Geschichte. Ein Zurückgeworfensein auf die eigenen vier Wände. Kaum einer konnte sagen: „Ich besuche dich!“ Die für uns Menschen so notwendigen Begegnungen waren nicht möglich. Es war und ist heuer eine lange Fastenzeit. Ein Fasten in den Umarmungen und Berührungen. Ein Fasten in den Begegnungen, ein Fasten in dem, was uns im Alltag oft wichtig war. Aber es war und ist gut, dass in dieser Zeit der Abstand gehalten wird, damit sich das Virus nicht endlos ausbreitet. Abstand, damit wir wieder gesund werden.

Es ist uns tatsächlich zu eng geworden. Und diese Enge meine ich in allen Bereichen unseres Lebens. Der Satz „Ich besuche dich“ hat sich in dieser Zeit umgekehrt. Mittlerweile ist es ein Werk der Nächstenliebe, Menschen nicht zu besuchen. In genau dieser Einschränkung, in diesem Fasten merken wir, wie sehr wir eigentlich Begegnungen brauchen. In dieser Zeit von Corona erleben wir Menschen auch, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Wir brauchen einander. Und „wir“ meint da mehr als die Nachbarschaft oder die Verwandtschaft. Das Virus kennt keine Grenzen. Da können wir auch nicht sagen: Das hier ist meine Familie, das unser Ort, hier Österreich und die Grenzen sind dicht. Nein, das Coronavirus macht uns deutlich, dass wir eine Menschheit sind.

 

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